Delta Green · Woche 1 — Wir sind hier, um das zu beschützen
Ein Mann stand auf einer Bierbank und ermordete ein Lied.
Caelwyn beobachtete ihn mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der gerade ein kleineres Verbrechen gegen die Zivilisation mitansehen musste.
„Er kennt den Text nicht.“
Stacy nahm einen Schluck Bier.
„Die lauten Stellen kennt er.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Heute Abend wahrscheinlich schon.“
Um sie herum aßen, tranken, lachten und sangen Tausende Menschen schlecht.
Ein Kellner quetschte sich mit viel zu vielen Maß durch den Gang.
Zwei Fremde lagen sich mit den Armen um die Schultern.
Eine Frau hatte es irgendwie geschafft, sich Bier in die eigene Handtasche zu schütten, und lachte zu sehr, um das Problem zu lösen.
Niemand arbeitete.
Niemand war produktiv.
Niemand optimierte sich selbst.
Caelwyn sah sich um.
„Um so etwas zu verhindern, wurde die Zivilisation erfunden.“
Stacy lächelte.
„Nein.“
„Nein?“
„Ich glaube, vielleicht wurde die Zivilisation gerade dafür erfunden, so etwas möglich zu machen.“
Caelwyn hob eine Augenbraue.
„Sich zu betrinken?“
„Sicher genug zu sein, um etwas vollkommen Nutzloses tun zu können.“
Jetzt sah er sie richtig an.
Draußen vor dem Bierzelt arbeiteten Agenten von Delta Green.
Ein Kurier war verschwunden.
Etwas, das außerhalb von Augsburg sichergestellt worden war, war nicht dort geblieben, wo man es verwahrt hatte.
Ein Mann mit Papieren auf den Namen eines Menschen, der seit 1987 tot war, war auf die Wiesn gekommen.
Die meisten Menschen um sie herum wussten nichts davon.
Das sollten sie auch nicht.
Caelwyn blickte zum Zelteingang.
„Sie sind verletzlich.“
„Weil sie betrunken sind?“
„Nein.“
„Weil sie in einer Menschenmenge stehen?“
„Nein.“
„Warum dann?“
„Weil sie glauben, dass das hier alles ist.“
Stacys Gesichtsausdruck veränderte sich.
Das war der eigentliche Unterschied.
Die Menschen um sie herum konnten es sich leisten, unmögliche Dinge für unmöglich zu halten.
Ein Delta-Green-Agent konnte das nicht.
Das bedeutete nicht, dass jede merkwürdige Spiegelung Unnatural war.
Es bedeutete nicht, dass jede alte Geschichte insgeheim wahr war.
Und es bedeutete ganz sicher nicht, dass Paranoia plötzlich Weisheit geworden war.
Beweise blieben wichtig.
Vielleicht wichtiger denn je.
Stacy beugte sich etwas zu ihm.
„Genau deshalb kannst du nicht jeden betrunkenen Touristen zum Kultisten erklären.“
„Weiß ich.“
„Eine Spiegelung ist wahrscheinlich immer noch nur eine Spiegelung.“
„Weiß ich.“
„Ein seltsames Geräusch ist wahrscheinlich immer noch nur ein seltsames Geräusch.“
„Weiß ich.“
„Aber wenn die Beweise auf etwas Unmögliches hindeuten …“
Caelwyn beendete den Satz.
„… dürfen wir es nicht verwerfen, nur weil uns die Antwort nicht gefällt.“
Sie nickte.
Sein Handy vibrierte.
Caelwyn las die Nachricht einmal.
Dann noch einmal.
Stacy beobachtete ihn.
„Und?“
„Unter Kontrolle.“
Das war alles.
Kein Applaus.
Keine Durchsage.
Kein Jubel.
Die Kapelle spielte weiter.
Irgendjemand verlor einen Hut.
Jemand verschüttete noch ein Bier.
Draußen drehte sich das Riesenrad weiter.
Genau so sollte es sein.
Stacy hob ihr Glas.
„Darauf, dass nichts passiert ist.“
Caelwyn lächelte fast.
„Das ist vielleicht der größte Delta-Green-Trinkspruch, den ich je gehört habe.“
Sie tranken.
Einen Moment lang hörten sie einfach nur dem Lärm um sich herum zu.
Dann sah Stacy durch das Zelt.
„Weißt du, was ich glaube?“
„Gleich weiß ich es.“
„Wir beschützen eigentlich gar nicht die Feier.“
„Nein?“
„Und vielleicht nicht einmal das Nichtwissen.“
„Was dann?“
Sie deutete mit dem Glas.
Auf den schlechten Gesang.
Auf das verschüttete Bier.
Auf die Menschen, die Geld für Dinge ausgaben, die sie nicht brauchten.
Auf Fremde, die gemeinsam Fotos machten.
Auf einen Abend, der absolut nichts leistete.
„Ihr Recht, einen Abend zu verschwenden.“
Caelwyn sah sie an.
„Das klingt bemerkenswert belanglos.“
„Ist es auch.“
Sie hob noch einmal ihr Glas.
„Genau deshalb ist es wichtig.“
UND WAS DENKST DU?
Wenn das Unnatural real ist: Reicht es dann aus, die Menschheit einfach nur am Leben zu halten?
Oder beschützt Delta Green auch etwas viel Gewöhnlicheres — das Recht, einen harmlosen Abend lang albern, laut, verschwenderisch, glücklich und vollkommen ahnungslos zu sein?
Und wenn genau diese scheinbar belanglose Normalität schützenswert ist: Wie viel würdest du opfern, damit sie möglich bleibt?
Unterschiedliche Sichtweisen sind willkommen. Widerspruch ist willkommen.
Spam, Trolling und Respektlosigkeit nicht.
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