Sean hatte endlich aufgehört, richtig tanzen zu wollen.
Eljara hielt das für einen erheblichen Fortschritt.
Er tanzte immer noch schlecht.
Aber jetzt mit Überzeugung.
Die Musik ließ den Boden unter ihnen vibrieren. Buntes Licht wanderte über alten Backstein, eiserne Balkone, Gläser, Gesichter und die glänzenden Oberflächen der Autopods, die hinter dem Platz vorbeizogen.
Bluetime war vorbei.
Doskvol war wieder Nacht.
Nicht die Nacht, die seine Großeltern gekannt hatten.
Diese hatte Neon.
Plasmovision.
Werbung.
Scheinwerfer.
Musik, die laut genug war, dass die Dunkelheit fast wie Dekoration wirkte.
Sean beugte sich zu Eljara.
SEAN:
„Du lächelst.“
ELJARA:
„Ich sehe dir beim Tanzen zu.“
SEAN:
„Das beantwortet die Frage nicht.“
ELJARA:
„Es beantwortet mehrere.“
SEAN:
„Ich bin besser geworden.“
ELJARA:
„Dir ist es nur inzwischen egal.“
SEAN:
„Dasselbe.“
ELJARA:
„Nicht einmal annähernd.“
Jemand rammte Sean von hinten.
Er fing den jungen Mann auf, bevor der hinfiel.
Der Fremde grinste ihn an.
„Geiler Abend!“
Dann verschwand er wieder.
Sean sah ihm hinterher.
SEAN:
„Kenn ich den?“
ELJARA:
„Nein.“
SEAN:
„Der hat sich aber sehr gefreut, mich zu sehen.“
ELJARA:
„Der freut sich gerade über jeden.“
SEAN:
„Verdächtig.“
ELJARA:
„Vorübergehend.“
Der Refrain kam.
Alle um sie herum brüllten ihn.
Sean kannte ungefähr die Hälfte des Textes und löste den Rest mit Lautstärke.
Eljara hörte ihn.
ELJARA:
„Das ist nicht der Text.“
SEAN:
„Mich hört keiner.“
ELJARA:
„Ich schon.“
SEAN:
„Dann hör weg.“
Sie lachte.
Und dann geschah es.
Nichts veränderte sich.
Genau das war das Merkwürdige.
Kein Blitz.
Kein Resonanzalarm.
Kein unmöglicher Schatten über der Bühne.
Kein Toter, der plötzlich beschlossen hätte mitzufeiern.
Die Musik lief weiter.
Die Menschen tanzten weiter.
Jemand verschüttete ein Getränk.
Jemand küsste jemanden.
Eine Frau bei der Bühne lachte so sehr, dass sie kaum noch Luft bekam.
Vollkommen normal.
Und trotzdem hörte Sean plötzlich auf, den Abend als einzelne Teile wahrzunehmen.
Die Trommel.
Die Stimmen.
Füße auf dem Boden.
Licht auf Gesichtern.
Hunderte Körper, die denselben Takt trafen, ohne ihn jemals perfekt zu treffen.
Manche zu früh.
Manche zu spät.
Manche elegant.
Manche grauenhaft.
Und plötzlich wirkte es wie eine einzige Sache.
Seans Lächeln verschwand.
ELJARA:
„Was?“
SEAN:
„Scheiße.“
ELJARA:
„So schlimm?“
SEAN:
„Ich weiß es nicht.“
Sie sah ihn an.
Nicht besorgt.
Diesmal auch nicht amüsiert.
Einfach aufmerksam.
Sean sah wieder über die Menge.
SEAN:
„Ist irgendwas passiert?“
ELJARA:
„Es passiert eine ganze Menge.“
SEAN:
„Du weißt, was ich meine.“
ELJARA:
„Ja.“
SEAN:
„Und?“
Sie wartete.
SEAN:
„Eljara.“
ELJARA:
„Ich weiß es nicht.“
Sean drehte sich zu ihr.
Diese Antwort störte ihn deutlich mehr als eine selbstsichere.
SEAN:
„Du weißt es nicht?“
ELJARA:
„Nein.“
SEAN:
„Unpraktisch.“
ELJARA:
„Für dich?“
SEAN:
„Für die Zivilisation.“
Sie lächelte.
SEAN:
„Ist es die Musik?“
ELJARA:
„Zum Teil.“
SEAN:
„Der Alkohol?“
ELJARA:
„Vielleicht.“
SEAN:
„Die Menge?“
ELJARA:
„Sicher.“
SEAN:
„Die Lichter?“
ELJARA:
„Helfen.“
SEAN:
„Dann haben wir's doch.“
ELJARA:
„Haben wir?“
Sean runzelte die Stirn.
SEAN:
„Du hast es gerade erklärt.“
ELJARA:
„Nein. Ich habe ein paar Zutaten genannt.“
Er sah sie an.
ELJARA:
„Mehl ist noch kein Kuchen, Sean.“
SEAN:
„Klingt nach Stacy.“
ELJARA:
„Stacy würde dir noch die Mengenangaben liefern.“
SEAN:
„Und Caelwyn würde fragen, was Kuchen bedeutet.“
ELJARA:
„Exakt.“
Sean lachte.
Einen Moment lang wurde das Gefühl schwächer.
Dann wechselte die Musik.
Das nächste Lied war langsamer.
Die Menge veränderte sich.
Paare rückten näher.
Freunde legten sich die Arme um die Schultern.
Eine Frau in ihrer Nähe begann zu weinen.
Nicht traurig.
Sie lächelte immer noch.
Eine Freundin küsste sie auf die Stirn.
Jemand zündete eine Zigarette an.
Jemand anderes hob ein Glas.
Und plötzlich war das Gefühl wieder da.
Stärker.
Sean atmete aus.
SEAN:
„Da.“
ELJARA:
„Ja.“
SEAN:
„Du hast es auch gespürt?“
ELJARA:
„Ja.“
SEAN:
„Was ist das?“
Eljara sah ihn an.
ELJARA:
„Nicht.“
SEAN:
„Was nicht?“
ELJARA:
„Erklär es nicht.“
SEAN:
„Ich habe noch gar nichts erklärt.“
ELJARA:
„Du wolltest gerade anfangen.“
SEAN:
„Ich will wissen, was passiert.“
ELJARA:
„Das ist nicht dasselbe.“
Sean sah genervt aus.
ELJARA:
„Du kennst Angst.“
SEAN:
„Ja.“
ELJARA:
„Du kennst Verlangen.“
SEAN:
„Gelegentlich.“
ELJARA:
„Du kennst Trauer.“
Sein Gesicht veränderte sich.
SEAN:
„Ja.“
ELJARA:
„Du kennst betrunken sein.“
SEAN:
„Experte.“
ELJARA:
„Das hier ist nichts davon.“
SEAN:
„Nein.“
ELJARA:
„Dann lass es für einen Moment einfach das sein, wofür du noch kein Wort hast.“
Sean starrte sie an.
SEAN:
„Das klingt gefährlich mystisch.“
ELJARA:
„Nein.“
SEAN:
„Religiös?“
ELJARA:
„Nein.“
SEAN:
„Magisch?“
ELJARA:
„Hab ich auch nicht gesagt.“
SEAN:
„Dann was?“
ELJARA:
„Hab ich dir gerade gesagt.“
SEAN:
„Du weißt es nicht.“
ELJARA:
„Genau.“
Sean hasste, wie vernünftig das klang.
Sie gingen an den Rand der Tanzfläche.
Die Musik war noch laut, aber man musste sich nicht mehr direkt ins Gesicht brüllen.
Sean lehnte sich an ein Geländer.
SEAN:
„Kennst du das auch von irgendwo anders?“
Eljara fragte nicht, was er mit „das“ meinte.
ELJARA:
„Ja.“
SEAN:
„Wo?“
ELJARA:
„Bei einer Beerdigung.“
Er sah sie an.
SEAN:
„Heiter.“
ELJARA:
„Du hast gefragt.“
SEAN:
„Was ist passiert?“
ELJARA:
„Nichts.“
SEAN:
„Wieder sehr hilfreich.“
Sie ignorierte ihn.
ELJARA:
„Die Leute haben geredet. Stühle verschoben. Tee eingeschenkt. Essen gebracht. Dinge gesagt, die Menschen eben sagen, wenn jemand stirbt, weil ihnen Stille Angst macht.“
SEAN:
„Kenn ich.“
ELJARA:
„Dann hat jemand seinen Namen gesagt.“
SEAN:
„Und?“
ELJARA:
„Das war's.“
Sean wartete.
ELJARA:
„Für einen Moment war der ganze Raum voll von ihm.“
Sean kniff die Augen zusammen.
SEAN:
„Geist?“
ELJARA:
„Nein.“
SEAN:
„Echo?“
ELJARA:
„Nein.“
SEAN:
„Resonanzmanifestation?“
ELJARA:
„Keine Hinweise.“
SEAN:
„Dann war der Raum nicht voll von ihm.“
Eljara sah ihn an.
ELJARA:
„Nicht?“
Er wollte antworten.
Tat es nicht.
ELJARA:
„Ich habe nicht gesagt, dass er körperlich da war.“
SEAN:
„Du hast gesagt, der Raum war voll von ihm.“
ELJARA:
„War er.“
SEAN:
„Das widerspricht sich.“
ELJARA:
„Nur wenn Bedeutung Platz einnehmen muss.“
Sean schwieg.
Er hasste es, wenn Eljara so etwas machte.
Vor allem, weil er danach meistens ein paar Minuten brauchte.
SEAN:
„Du meinst also, das ist Bedeutung?“
ELJARA:
„Ich sage, das ist ein Wort dafür.“
SEAN:
„Besser als nichts.“
ELJARA:
„Ist es das?“
Er seufzte.
SEAN:
„Du willst wirklich nicht, dass ich das löse.“
ELJARA:
„Nein.“
SEAN:
„Warum?“
ELJARA:
„Weil du in dem Moment, in dem du entscheidest, was es ist, alles nicht mehr siehst, was nicht in deine Antwort passt.“
Das saß.
Sean sah wieder zu den Tanzenden.
SEAN:
„Wissenschaftler sagen Synchronisation.“
ELJARA:
„Vielleicht haben sie recht.“
SEAN:
„Psychologen sagen Gruppengefühl.“
ELJARA:
„Vielleicht haben sie recht.“
SEAN:
„Priester sagen heilig.“
ELJARA:
„Manche vielleicht auch.“
SEAN:
„Magier sagen Magie.“
ELJARA:
„Manche vielleicht auch.“
SEAN:
„Betrunkene sagen geiler Abend.“
ELJARA:
„Sehr oft richtig.“
Sean lachte.
Dann sah er wieder zu ihr.
SEAN:
„Und in Doskvol?“
ELJARA:
„Was ist damit?“
SEAN:
„Wir sind die armen Schweine, die an einem Ort leben, wo sich theoretisch alle diese Antworten überschneiden könnten.“
Sie lächelte.
ELJARA:
„Ja.“
SEAN:
„Extrem unpraktisch.“
ELJARA:
„Das sagst du dauernd.“
SEAN:
„Weil ich meine Mysterien gern sauber sortiert habe.“
ELJARA:
„Dann lebst du in der falschen Stadt.“
Da konnte er nichts gegen sagen.
Zwischen zwei Liedern hörte die Band auf.
Für ein paar Sekunden war nur die Menge da.
Atmen.
Gläser.
Lachen.
Schuhe auf Stein.
Jemand rief nach einem Freund.
Ein Kind protestierte, dass es nicht müde sei.
Das Gefühl blieb.
Sean sah auf sein Getränk.
Dann stellte er es auf das Geländer.
Eljara bemerkte es.
ELJARA:
„Was machst du?“
SEAN:
„Experiment.“
ELJARA:
„Du stellst ein Getränk weg.“
SEAN:
„Wissenschaftliche Methode.“
ELJARA:
„Stacy wäre entsetzt.“
SEAN:
„Warum?“
ELJARA:
„Keine Kontrollgruppe.“
Sean wartete.
Das Gefühl war noch da.
Er verzog das Gesicht.
SEAN:
„Verdammt.“
ELJARA:
„Nicht der Alkohol?“
SEAN:
„Offenbar nicht nur.“
ELJARA:
„Tragisch.“
Die Leute begannen zu singen, bevor die Band wieder einsetzte.
Erst wenige Stimmen.
Dann mehr.
Sean hörte zu.
SEAN:
„Glaubst du, hier fängt Religion an?“
Eljara drehte sich zu ihm.
ELJARA:
„Vorsicht.“
SEAN:
„Ich sage nicht, dass das Religion ist.“
ELJARA:
„Gut.“
SEAN:
„Ich meine dieses Gefühl.“
Sie wartete.
SEAN:
„Bevor jemand eine Theorie hat.“
ELJARA:
„Weiter.“
SEAN:
„Jemand fühlt das hier.“
Er deutete auf den Platz.
SEAN:
„Alles sieht genauso aus wie vorher, und plötzlich fühlt es sich nicht mehr gewöhnlich an.“
ELJARA:
„Ja.“
SEAN:
„Dann fragt jemand warum.“
ELJARA:
„Ja.“
SEAN:
„Einer sagt Gott.“
ELJARA:
„Ja.“
SEAN:
„Einer sagt Geist.“
ELJARA:
„Ja.“
SEAN:
„Einer sagt Magie.“
ELJARA:
„Ja.“
SEAN:
„Stacy sagt Neurochemie.“
ELJARA:
„Vermutlich mit Schaubildern.“
SEAN:
„Und vielleicht fangen sie alle beim selben verdammten Moment an.“
Eljara sah ihn einige Sekunden an.
Dann lächelte sie.
SEAN:
„Was?“
ELJARA:
„Das war ärgerlich gut.“
SEAN:
„Ha.“
ELJARA:
„Gewöhn dich nicht dran.“
Er sah viel zu zufrieden aus.
SEAN:
„Welche Erklärung gewinnt dann?“
ELJARA:
„Muss eine gewinnen?“
SEAN:
„Ja.“
ELJARA:
„Warum?“
SEAN:
„Weil sonst alles wahr sein kann.“
ELJARA:
„Nein.“
SEAN:
„Gott sei Dank.“
ELJARA:
„Mehrere Dinge können wahr sein.“
Er stöhnte.
SEAN:
„Schlimmer.“
Eljara drehte sich ganz zu ihm.
ELJARA:
„Musik kann deinen Körper verändern.“
SEAN:
„Ja.“
ELJARA:
„Eine Menge kann verändern, wie du dich fühlst.“
SEAN:
„Ja.“
ELJARA:
„Eine Erinnerung kann verändern, was ein Lied bedeutet.“
SEAN:
„Ja.“
ELJARA:
„Ein religiöser Mensch kann diesen Moment wirklich als heilig erleben.“
SEAN:
„Ja.“
ELJARA:
„Und in dieser Welt könnte zusätzlich tatsächlich etwas Übernatürliches passieren.“
Sean zeigte auf sie.
SEAN:
„Da!“
ELJARA:
„Ich sagte könnte.“
SEAN:
„Zählt trotzdem.“
ELJARA:
„Nein.“
SEAN:
„Ein bisschen.“
ELJARA:
„Nein.“
Die Menge sang lauter.
Sean hörte auf zu diskutieren.
Das Gefühl war wieder da.
Diese merkwürdige Dichte.
Als hätte die Nacht eine weitere Dimension bekommen, die man nicht sehen konnte und die trotzdem vorhanden war.
Zum ersten Mal versuchte er nicht, sie zu packen.
Er fragte nicht, ob sie vom Alkohol kam.
Oder vom Lied.
Oder von Eljara.
Oder von der Menge.
Oder von etwas Fremderem.
Er stand einfach darin.
Eljara bemerkte es.
ELJARA:
„Besser.“
SEAN:
„Was?“
ELJARA:
„Du versuchst nicht mehr, es zu lösen.“
SEAN:
„Vorübergehender Aussetzer.“
ELJARA:
„Natürlich.“
Die Band kam zurück.
Der Bass setzte ein.
Die Leute jubelten.
Eljara hielt ihm die Hand hin.
Sean sah sie an.
SEAN:
„Schon wieder?“
ELJARA:
„Du denkst seit fast zehn Minuten.“
SEAN:
„Und?“
ELJARA:
„Man sieht's langsam.“
SEAN:
„Grausam.“
ELJARA:
„Tanz.“
SEAN:
„Ich tanze immer noch nicht.“
ELJARA:
„Sean.“
Er sah zur Menge.
Dann auf ihre Hand.
Und lächelte.
SEAN:
„Na gut.“
Sie gingen wieder hinein.
Diesmal war Sean egal, wie dieser Moment hieß.
Magie.
Bedeutung.
Chemie.
Gemeinschaft.
Erinnerung.
Liebe.
Ein verdammt gutes Lied.
Etwas Übernatürliches.
Überhaupt nichts Übernatürliches.
Vielleicht konnte der Name warten.
Denn manchmal kommt die Erfahrung vor der Erklärung.
Vor der Theologie.
Vor der Wissenschaft.
Vor der Magie.
Bevor jemand entscheidet, was passiert ist.
Da ist einfach ein Augenblick, in dem eine völlig gewöhnliche Nacht plötzlich schwer wird vor Bedeutung—
und jedes Wort, das man kennt, ein bisschen zu klein dafür erscheint.
Kennst du diesen Moment?
Auf einem Konzert, einer Feier, einer Hochzeit, einer Beerdigung, an einem Feuer, neben einem Menschen, den du geliebt hast – als sich sichtbar nichts veränderte und plötzlich trotzdem alles mehr bedeutete?
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