The Inner Fire · Woche 4 · Mara & Chibi · Pulp Cthulhu: Victoriana
Die Erwachsenen hatten den größten Teil des Abends über Namen gestritten.
Geist.
Seele.
Engel.
Dämon.
Gott.
Ahne.
Wesen.
Projektion.
Spätestens bei „körperloser Intelligenz“ hatte Chibi aufgehört zuzuhören.
Mara hatte aufgehört so zu tun, als würde sie es noch.
Sie saßen unter der großen Karte der Inner Flame Society, während farbige Fäden Träume, Gräber, Tempel, Séancen und Orte miteinander verbanden, an denen etwas geantwortet hatte.
CHIBI:
„Die mögen Namen wirklich gern.“
MARA:
„Sie glauben, Namen machen alles einfacher.“
CHIBI:
„Tun sie das?“
Mara blickte zu Professor Harcourt, der gerade erklärte, warum ein mittelalterlicher Dämon und ein ägyptischer Totengeist noch nicht in dieselbe Kategorie gehörten.
MARA:
„Schaut nicht danach aus.“
Mrs Evelyn Price saß mit einer Tasse Tee in der Nähe.
Kein Schleier.
Keine Kerzen.
Kein mystisches Theater.
Nur eine müde Frau, die manchmal Stimmen hörte, die sonst niemand hören konnte.
Mara ging zu ihr.
Chibi natürlich sofort hinterher.
MARA:
„Wenn Sie mit etwas auf der anderen Seite sprechen …“
PRICE:
„Ja?“
MARA:
„Woher wissen Sie, was es ist?“
Mrs Price dachte darüber nach.
PRICE:
„Manchmal weiß ich es nicht.“
Chibi blinzelte.
CHIBI:
„Sie wissen es nicht?“
PRICE:
„Nein.“
CHIBI:
„Warum schreiben die Erwachsenen dann überall Namen auf die Karte?“
Mrs Price blickte zur Wand.
PRICE:
„Weil Erwachsene leere Stellen nicht mögen.“
MARA:
„Auch wenn sie nicht wissen, was dort hingehört?“
PRICE:
„Gerade dann.“
Chibi deutete zur Karte.
CHIBI:
„Wenn etwas also sagt, es sei ein Engel …“
PRICE:
„Dann könnte es einer sein.“
CHIBI:
„Und wenn es sagt, es sei ein Dämon?“
PRICE:
„Könnte ebenfalls stimmen.“
CHIBI:
„Und wenn es behauptet, jemandes verstorbener Onkel zu sein?“
Mrs Price lächelte leicht.
PRICE:
„Dann würde ich Fragen stellen.“
CHIBI:
„Und wenn es richtig antwortet?“
PRICE:
„Dann stelle ich noch mehr.“
Professor Harcourt kam dazu.
HARCOURT:
„Identität ist eines unserer größten Probleme.“
CHIBI:
„Weil sie lügen?“
Harcourt hielt inne.
HARCOURT:
„Manchmal.“
CHIBI:
„Geister lügen?“
HARCOURT:
„Menschen tun es.“
CHIBI:
„Aber die sind tot.“
Harcourt verschränkte die Arme.
HARCOURT:
„Der Tod verbessert nicht zwangsläufig den Charakter.“
Chibi strahlte.
CHIBI:
„Das ist großartig.“
MARA:
„Bitte ermutigen Sie ihn nicht.“
Harcourt zeigte auf einen Bereich der Karte:
UNKLASSIFIZIERT
HARCOURT:
„Das sind unsere schwierigen Fälle.“
CHIBI:
„Was sind die?“
HARCOURT:
„Das wissen wir noch nicht.“
CHIBI:
„Warum stehen sie dann auf der Karte?“
Harcourt verstummte.
Mrs Price versteckte ein Lächeln hinter ihrer Tasse.
HARCOURT:
„Weil …“
Er blickte zu den schwarzen Fäden.
HARCOURT:
„… von dort immer wieder etwas antwortet.“
Chibi wurde plötzlich still.
CHIBI:
„Oh.“
Mara betrachtete die Karte.
MARA:
„Antworten sie immer, wenn Sie rufen?“
HARCOURT:
„Nein.“
MARA:
„Gut.“
HARCOURT:
„Warum gut?“
Mara sah ihn an.
MARA:
„Weil ich mir Sorgen machen würde, wer hier eigentlich wen ruft, wenn immer etwas antwortet.“
Mrs Price stellte langsam ihre Tasse ab.
PRICE:
„Das ist eine verdammt gute Frage.“
Harcourt wurde weggerufen.
Bevor er ging, zeigte er auf Chibi.
HARCOURT:
„Keine Instrumente anfassen.“
CHIBI:
„Wollte ich nicht.“
Harcourt ging.
Mara wartete.
MARA:
„Wolltest du.“
CHIBI:
„Ich wollte nur mit den Fingern genauer hinschauen.“
Mrs Price lachte.
Dann bemerkte Mara das kleine Flammensymbol in der Mitte der großen Karte.
MARA:
„Warum ist das Inner Fire in der Mitte?“
Mrs Price folgte ihrem Blick.
PRICE:
„Weil sehr viele Kulturen etwas beschreiben, das im Menschen lebt.“
CHIBI:
„Eine Seele?“
PRICE:
„Manchmal.“
MARA:
„Ein Geist?“
PRICE:
„Manchmal.“
CHIBI:
„Feuer?“
PRICE:
„Sehr oft.“
Chibi dachte nach.
Diesmal tatsächlich ernsthaft.
CHIBI:
„Also hat jeder eins?“
PRICE:
„Vielleicht.“
CHIBI:
„Und damit können wir die andere Seite erreichen?“
Mrs Price zögerte.
PRICE:
„Manche glauben das.“
Chibi betrachtete die Flamme.
Dann stellte er die Frage, die sonst niemand gestellt hatte.
CHIBI:
„Wer hat sie da reingetan?“
Mrs Price erstarrte.
MARA:
„Was?“
CHIBI:
„Das Feuer.“
Er zeigte auf die Karte.
CHIBI:
„Wenn es in jedem Menschen steckt …“
„… und die Leute schon seit Tausenden Jahren davon erzählen …“
„… wer hat dann das erste angezündet?“
Stille.
Keine gewöhnliche Stille.
Diese Sorte Stille, die entsteht, wenn ein ganzer Raum merkt, dass er womöglich die falsche Frage gestellt hat.
Mara sah zu den Erwachsenen.
Wissenschaftler.
Medien.
Archäologen.
Okkultisten.
Alle stritten darüber, was das Inner Fire sein könnte.
Keiner fragte, woher es kam.
MARA:
„Hat das schon mal jemand gefragt?“
Mrs Price starrte auf das Flammensymbol.
PRICE:
„Nicht ganz so.“
Chibi lächelte.
CHIBI:
„Ich hab eine neue Frage gestellt.“
MARA:
„Freu dich nicht so.“
CHIBI:
„Warum?“
Mrs Price umklammerte ihre Tasse.
PRICE:
„Weil neue Fragen manchmal neue Antworten bekommen.“
Dann änderte sich ihr Ausdruck.
Nicht dramatisch.
Sie sah die beiden einfach nicht mehr an.
MARA:
„Mrs Price?“
Keine Antwort.
CHIBI:
„Mrs Price?“
Ihre Lippen bewegten sich.
PRICE:
„Nein.“
Mara stand auf.
MARA:
„Nein was?“
Mrs Price flüsterte.
PRICE:
„Niemand hat es entzündet.“
Chibis Lächeln verschwand.
CHIBI:
„Was?“
Mrs Price neigte den Kopf, als würde sie etwas hören, das sehr weit entfernt war.
PRICE:
„Es wurde hergetragen.“
Mara wurde kalt.
MARA:
„Woher?“
Mrs Price antwortete nicht.
Stattdessen löste sich ein schwarzer Faden von der Wandkarte.
Dann ein zweiter.
Dann ein dritter.
Ägypten.
Die Highlands.
Die Karibik.
Drei verschiedene Orte.
Drei Fäden.
Alle fielen über die kleine Flamme im Zentrum.
CHIBI:
„Sollte das passieren?“
MARA:
„Nein.“
Mrs Price blinzelte.
Ihr Gesicht war wieder normal.
Müde.
Verwirrt.
PRICE:
„Was ist passiert?“
Mara sah sie an.
MARA:
„Sie haben ihm geantwortet.“
Mrs Price wurde bleich.
PRICE:
„Hab ich?“
CHIBI:
„Sie haben gesagt, niemand hätte das Feuer angezündet.“
Eine Pause.
CHIBI:
„Sie haben gesagt, es wurde hergetragen.“
Mrs Price blickte auf die heruntergefallenen Fäden.
PRICE:
„Daran erinnere ich mich nicht.“
Professor Harcourt kam zurück.
Als er die Karte sah, blieb er stehen.
HARCOURT:
„Was ist passiert?“
Chibi zeigte zur Flamme.
CHIBI:
„Ich hab gefragt, woher das Inner Fire kommt.“
Harcourt wurde ganz still.
HARCOURT:
„Und?“
Chibi sah zu Mrs Price.
CHIBI:
„Etwas hat geantwortet.“
Zum ersten Mal griff Harcourt nicht nach seinem Notizbuch.
Später saßen Mara und Chibi draußen unter den Londoner Straßenlaternen.
CHIBI:
„Glaubst du, es hat die Wahrheit gesagt?“
MARA:
„Keine Ahnung.“
CHIBI:
„Ein Geist?“
MARA:
„Keine Ahnung.“
CHIBI:
„Ein Dämon?“
MARA:
„Keine Ahnung.“
CHIBI:
„Ein Engel?“
Mara sah ihn an.
CHIBI:
„Schon gut.“
Er stupste mit dem Schuh gegen die Stufe.
CHIBI:
„Was weißt du dann?“
Mara blickte zur schwarzen Tür zurück.
MARA:
„Den ganzen Monat haben wir darüber geredet, was Menschen mit dem Inner Fire machen.“
„Es kontrollieren.“
„Es verstecken.“
„Ihm Luft geben.“
„Es untersuchen.“
Sie sah ihn an.
MARA:
„Aber keiner hat gefragt, woher es kommt.“
Chibi schwieg.
CHIBI:
„Vielleicht hätten wir das auch nicht tun sollen.“
MARA:
„Wahrscheinlich nicht.“
CHIBI:
„Fragen wir nochmal?“
MARA:
„Ganz sicher nicht.“
Eine Pause.
CHIBI:
„Morgen?“
Mara seufzte.
MARA:
„Du bist echt anstrengend.“
CHIBI:
„Danke.“
THE INNER FIRE — WER HAT DAS FEUER ENTFACHT?
Die Viktorianer suchten unter der Erde, in Gräbern, jenseits der Meere und sogar hinter dem Tod.
Sie benannten Geister.
Engel.
Dämonen.
Götter.
Sie kartographierten das Unsichtbare.
Und bei all dem blieb eine Annahme bestehen:
Das Inner Fire gehörte der Menschheit.
Vielleicht war genau das die letzte Annahme, die noch zerbrechen musste.
Denn wenn niemand die erste Flamme entzündet hat –
und sie hierhergetragen wurde –
liegt die nächste Frage auf der Hand:
Wer hat sie gebracht?
Wenn wir herausfinden würden, dass etwas Grundlegendes in uns gar nicht mit uns begonnen hat – würdest du wissen wollen, woher es stammt? Oder gibt es Fragen, bei denen Nichtwissen vielleicht wirklich die klügere Form von Weisheit ist?
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