DIE TANZFLÄCHE

Sean blieb stehen.

Eljara nicht.

Sie war schon sechs Schritte weiter in die Menge gegangen, bevor sie bemerkte, dass er nicht mehr neben ihr war.

Sie drehte sich um.

Sean stand am Rand der improvisierten Tanzfläche, ein Glas in der Hand, und betrachtete die Leute vor sich, als hätte ihm gerade jemand eine nicht explodierte Bombe vor die Füße gelegt.

Eljara kam zurück.

„Und?“

Sean nahm einen Schluck.

„Und was?“

„Du bist stehen geblieben.“

„Aye.“

„Warum?“

„Hier ist es gemütlich.“

„Vor zwei Minuten war es da drüben gemütlich.“

„Ich bin anpassungsfähig.“

Eljara sah an ihm vorbei.

Der Platz hatte sich verändert, während Bluetime verblasste.

Was am Nachmittag noch ein Fest gewesen war, wurde langsam zu einer richtigen Nacht draußen.

Das künstliche Blau über ihnen verlief ins Violette. Die Plasmovision-Bildschirme leuchteten immer heller gegen die hereinbrechende Dunkelheit. Alte Ziegel, eiserne Balkone und rußgeschwärzter Stein verschwanden unter Werbung, elektrischen Schildern und farbigem Licht.

Und irgendwo zwischen zwei Tischreihen hatten ein paar Dutzend Leute beschlossen, dass ein freier Fleck Boden jetzt eine Tanzfläche war.

Keine offizielle Ansage.

Keine Erlaubnis.

War einfach so.

Eljara sah Sean wieder an.

„Du hast Angst.“

Sean verschluckte sich beinahe an seinem Getränk.

„Hab ich nicht.“

„Doch.“

„Auf mich wurde geschossen.“

„Ja.“

„Ich wurde abgestochen.“

„Ich erinnere mich.“

„Ich bin mal durch ein Fenster im dritten Stock geklettert, während zwei Kerle versucht haben, mich wieder rauszuwerfen.“

„Und zwanzig tanzende Menschen haben dich jetzt endgültig gebrochen.“

Sean sah zur Tanzfläche.

„Ich tanze nicht.“

Eljara hielt ihm die Hand hin.

„Du hast zwei funktionierende Beine.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Anatomisch gesehen ein hervorragender Anfang.“

„Eljara.“

„Sean.“

„Ich tanze nicht.“

Sie lächelte.

Dieses Lächeln machte ihm deutlich mehr Sorgen als die Tänzer.

„Oh, das ist herrlich.“

„Fang nicht an.“

„Sean hat Angst vorm Tanzen.“

„Ich habe keine Angst.“

„Dann tanz.“

„Ich habe Würde.“

„Du hast die ersten elf Minuten dieses Abends irgendwas Frittiertes gegessen, das du nicht mal identifizieren konntest, weil der Mann, der es verkauft hat, behauptet hat, es wäre gut.“

„War es auch.“

„Ich weiß. Ich hab dir was geklaut.“

„Siehst du? Gutes Urteilsvermögen.“

Eljara ließ die Hand ausgestreckt.

Sean sah sie an.

Dann Eljara.

Dann die Tanzfläche.

„Nein.“

Sie wartete.

„Nein.“

Sie wartete weiter.

Sean seufzte.

„Ach, leck mich.“

Er nahm ihre Hand.

Sean stellte ziemlich schnell drei Dinge fest.

Erstens: Eljara konnte tanzen.

Zweitens: Eljara wusste ganz genau, dass er es nicht konnte.

Drittens: Sie hatte viel zu viel Spaß daran.

„Du zählst.“

„Tu ich nicht.“

„Eins, zwei, drei, vier.“

„Ich halte den Takt.“

„Mit den Lippen.“

Sean funkelte sie an.

„Du siehst aus, als würdest du eine Bombe entschärfen.“

„Die Bombe wäre mir lieber.“

Um sie herum bewegten sich die Menschen unter den Lichtern.

Einige wussten ganz genau, was sie taten.

Andere ganz offensichtlich nicht.

Eine Frau mittleren Alters tanzte mit genug Begeisterung, um sämtliche Getränke in ihrer Umgebung zu gefährden.

Zwei junge Männer schienen gerade eine vollkommen neue Bewegungsform zu erfinden, die hauptsächlich auf Ellenbogen beruhte.

Ein paar Arbeiter hatten einen Kreis um einen ihrer Freunde gebildet und jubelten über jeden zunehmend bescheuerten Versuch.

Niemand lachte über Sean.

Fast schon ärgerlich.

Er hatte mit Blicken gerechnet.

Stattdessen interessierte es keine Sau.

Eljara kam näher.

„Hör auf, es richtig machen zu wollen.“

„Es muss eine richtige Art geben.“

„Es gibt mehrere.“

„Das hilft überhaupt nicht.“

„Du denkst.“

„Normalerweise halte ich das für eine Tugend.“

„Nicht hier.“

Sean sah sich um.

„Die Leute gucken.“

„Nein.“

„Könnten sie aber.“

„Die sind viel zu sehr damit beschäftigt, sich zu fragen, ob alle anderen sie angucken.“

Sean hörte auf, sich zu bewegen.

Eljara wäre beinahe in ihn hineingelaufen.

Er starrte sie an.

„Das ist doch bescheuert.“

„Ja.“

„Alle haben Angst, sich zum Affen zu machen?“

„Mehr oder weniger.“

„Und deshalb hat keiner Zeit zu merken, dass sich alle anderen auch zum Affen machen?“

„Jetzt hast du Zivilisation verstanden.“

Sean lachte.

Und ungefähr zehn Sekunden lang vergaß er zu zählen.

Jemand rempelte ihn an.

Ein junger Kerl, vielleicht zwanzig und ziemlich sicher schon ein paar Getränke jenseits jeder vernünftigen Entscheidung, stolperte rückwärts.

Sean fing ihn an der Schulter auf.

Der Junge sah hoch.

Für eine Sekunde rechnete Sean mit Ärger.

Stattdessen grinste der Fremde.

„Geiler Abend!“

„Aye?“

Der Junge klopfte Sean freundschaftlich auf den Arm.

„Geiler Abend!“

Dann verschwand er wieder zwischen den Tanzenden.

Sean sah ihm hinterher.

„Kenn ich den?“

„Nein.“

„Der hat sich aber gefreut, mich zu sehen.“

„Der freut sich gerade, jeden zu sehen.“

„Gefährlicher Zustand.“

„Meist vorübergehend.“

Sie bewegten sich weiter.

Sean tanzte immer noch schlecht.

Aber langsam war es ihm weniger wichtig.

Und dadurch, stellte er fest, tanzte er ein kleines bisschen weniger schlecht.

Das ärgerte ihn.

Eljara bemerkte es.

„Besser.“

„Ermutige mich nicht.“

„Am Ende hast du noch Spaß.“

„Ich hatte vorher schon Spaß.“

„Du standest an einem Tisch.“

„Da gab's Essen.“

„Überzeugende Verteidigung.“

Die Musik wurde schneller.

Die Menge antwortete.

Die Leute brüllten den Refrain zur Bühne zurück.

Sean kannte den Text nicht, also brüllte er etwas, das ungefähr ähnlich klang.

Eljara hörte es.

„Das ist nicht der Text.“

„Mich hört doch keiner.“

„Ich schon.“

„Dann hör weg.“

Sie lachte.

Und Sean stellte fest, dass er ebenfalls lachte.

Später retteten sie sich an den Rand des Platzes.

Sean besorgte sich ein weiteres Getränk.

Eljara suchte ihres diesmal selbst aus.

„Feigling“, sagte er.

„Ich habe gesehen, wie du dein Abendessen ausgesucht hast.“

„Du hast davon gegessen.“

„Ich betreibe Feldforschung.“

Sie fanden einen Stehtisch, von dem aus sie die Menge beobachten konnten.

Von hier sah die Feier anders aus.

Weniger wie Chaos.

Mehr wie Dutzende kleine Welten, die sich für ein paar Stunden denselben Ort teilten.

Freunde an Tischen.

Paare, die in ruhigeren Ecken verschwanden.

Arbeiter, endlich raus aus der Arbeitskleidung.

Junge Leute, die genau die Sachen trugen, über die ältere Leute sich aufregten.

Jemand feierte Geburtstag.

Jemand einen Sieg.

Jemand war wahrscheinlich nur gekommen, weil Zuhausebleiben schlimmer gewesen wäre.

Sean stützte die Arme auf den Tisch.

„Das ist ein guter Abend.“

Eljara folgte seinem Blick.

„Schlecht tanzen?“

„Vor allem schlecht tanzen.“

„Ich wusste, dass es einen Grund gibt, warum dir das gefällt.“

Sean ignorierte sie.

„Die meisten müssen morgen arbeiten.“

„Vermutlich.“

„Rechnungen bezahlen.“

„Ganz sicher.“

„Irgendwer hasst seinen Chef. Irgendwer schuldet Geld. Bei irgendwem geht die Ehe gerade den Bach runter. Jemand hat letzten Monat jemanden verloren. Und irgendwer hat vor etwas eine Scheißangst, von dem er noch niemandem erzählt hat.“

Eljara sah ihn an.

„Das wurde erstaunlich schnell heiter.“

„Ich will auf etwas hinaus.“

„Das hatte ich gehofft.“

Sean deutete auf die Menge.

„Und für ein paar Stunden stellen sie das alles ab.“

„Was?“

„Alles.“

Hinter ihnen lief die Musik weiter.

„Man schleppt Zeug mit sich rum“, sagte Sean. „Jeder.“

„Arbeit. Familie. Geld. Fehler. Leute, die einem fehlen. Dinge, die man hätte sagen sollen. Dinge, von denen man wünscht, man hätte sie nie gesagt.“

Er trank.

„Und manchmal brauchst du einen Ort, an dem du den ganzen verdammten Mist mal abstellen kannst.“

Eljara schwieg einen Moment.

„Flucht.“

„Aye.“

„Du glaubst, das ist Feiern?“

„Manchmal.“

„Klingt ziemlich düster.“

Sean schüttelte den Kopf.

„Nein. Etwas abzustellen heißt nicht, so zu tun, als wäre es nicht da.“

Er nickte zur Tanzfläche.

„Morgen steht das alles wieder da.“

„Sehr beruhigend.“

„Hab nicht gesagt, dass es fair ist.“

„Und was erreicht dieser Abend dann?“

Sean dachte nach.

„Vielleicht gar nichts.“

Eljara hob eine Augenbraue.

„Hervorragende Werbung fürs Nachtleben.“

„Vielleicht muss er auch gar nichts erreichen.“

Da hielt sie kurz inne.

Sean sah wieder zur Menge.

„Wir verbringen unser ganzes Leben damit, Dinge zu tun, weil sie nützlich sind. Arbeiten, weil wir Geld brauchen. Essen, weil wir Nahrung brauchen. Schlafen, weil wir sonst irgendwann umfallen. Dinge reparieren. Dinge bezahlen. Dinge planen.“

„Und dann?“

„Und dann tanzt du manchmal beschissen, weil das Lied gut ist.“

Eljara lächelte.

„Revolutionär.“

„Aye. Sag's nicht zu laut. Am Ende hört das Ministerium noch mit.“

Ein Paar kam an ihrem Tisch vorbei.

Sie lachte.

Er beugte sich zu ihr.

Sie küsste ihn.

Sean sah ihnen nach, bis sie in der Menge verschwanden.

„Noch ein Grund.“

Eljara folgte seinem Blick.

„Ah.“

„Brautschau.“

„Mit dem Wort klingst du achtzig.“

„Ich baue meine Würde wieder auf.“

„Die hast du auf der Tanzfläche liegen lassen.“

„Vorübergehender Verlust.“

Eljara nahm einen Schluck.

„Feiern lockert Regeln.“

Sean nickte.

„Ist doch ein Teil davon.“

„Ja.“

Ihr Ton veränderte sich gerade genug, dass er es bemerkte.

„Aber nicht jede Regel sollte gelockert werden.“

Sean sah sie an.

Eljara deutete mit einem kurzen Blick zu einer anderen Stelle des Platzes.

Ein Mann hatte einer Frau die Hand um die Hüfte gelegt.

Sie nahm sie weg.

Er versuchte es noch einmal.

Beim zweiten Mal machte ihr Gesicht die Antwort deutlich genug.

Er ließ es.

Sean beobachtete die beiden noch einen Moment.

Dann sah er Eljara wieder an.

„Aye.“

Eine Feier konnte Fremde miteinander ins Gespräch bringen.

Sie konnte jemanden mutig genug machen, zu tanzen.

Zu singen.

Zu flirten.

Endlich jemanden zu küssen, den man seit drei Monaten küssen wollte.

Aber Freiheit bedeutete nur etwas, wenn alle Beteiligten ein Stück davon hatten.

Sean sah wieder zur Tanzfläche.

„Also gibt es doch Regeln.“

„Natürlich.“

„Du hast mir gerade gesagt, ich soll mir wegen Regeln keinen Kopf machen.“

„Ich habe gesagt, du sollst dir keinen Kopf darum machen, richtig zu tanzen.“

„Wichtiger Unterschied.“

„Sehr.“

Sean grinste.

„Trinken?“

„In Ordnung.“

„Tanzen?“

„In Ordnung.“

„Beschissen singen?“

„Offenbar Pflicht.“

„Flirten?“

„Wenn die andere Person auch will.“

„Küssen?“

„Gleiche Antwort.“

„Auf Tische steigen?“

Eljara sah zu den Arbeitern.

Einer stand inzwischen auf einem Tisch.

„Kommt auf den Tisch an.“

Sean lachte.

„Und morgen?“

Eljara hob ihr Glas.

„Morgen darf uns zurückhaben.“

Sean stieß mit seinem dagegen.

„Aber noch nicht.“

„Nein.“

Die Band begann ein neues Lied.

Sean erkannte die ersten Takte sofort.

Er richtete sich auf.

Eljara bemerkte es.

„Oh nein.“

„Was?“

„Das kennst du.“

„Aye.“

„Du gehst wieder hin.“

„Aye.“

„Auf die Tanzfläche.“

„Aye.“

„Du tanzt nicht.“

Sean stellte sein Glas ab.

„Anscheinend jetzt schon.“

Eljara starrte ihn an.

Sean hielt ihr die Hand hin.

„Komm.“

Sie sah auf seine Hand.

Dann zu ihm.

Und ließ ihn mit voller Absicht warten.

Sean seufzte.

„Ach, leck mich.“

Eljara lächelte.

Dann nahm sie seine Hand.

Sie gingen zurück in die Menge.

Sean war immer noch nicht gut.

Es war ihm inzwischen egal.

Morgen würde Doskvol immer noch Doskvol sein.

Die Arbeit würde zu früh anfangen.

Schulden würden immer noch Schulden sein.

Die Werbung würde weiterhin Freiheit in Flaschen verkaufen.

Das Ministerium würde weiterhin beobachten, was Ministerien eben beobachten.

Die Toten würden weiterhin Dinge antreiben, über die die Lebenden lieber nicht nachdachten.

Nichts davon war repariert.

Aber vielleicht hatte ein guter Abend auch nie versprochen, die Welt zu reparieren.

Manchmal hatte die Welt einem schon genug genommen.

Also holte man sich ein paar Stunden zurück.

Ein Getränk.

Ein Lied.

Einen Tanz.

Einen Kuss, wenn beide ihn wollten.

Einen Tisch voller Freunde.

Eine bescheuerte Geschichte, die zum hundertsten Mal erzählt wurde.

Einen Fremden, der einen auffing, bevor man hinfiel.

Einen Moment, in dem morgen warten konnte.

Eljara beugte sich zu ihm.

„Du lächelst.“

Sean tanzte weiter.

„Nein.“

„Doch.“

„Muss am Getränk liegen.“

„Du weißt immer noch nicht, was du da trinkst.“

„Dann liegt's wohl an der Gesellschaft.“

Eljara sah ihn an.

Sean verzog das Gesicht.

„Klang in meinem Kopf besser.“

„Nein, mach weiter. Ich will wissen, wie schlimm es noch wird.“

„Vergiss es.“

Sie lachte.

Der Refrain kam.

Sean brüllte ihn mit allen anderen mit.

Bluetime war vorbei.

Morgen konnte warten.

Diese Nacht gehörte ihnen.

Was brauchst du für eine richtig gute Feier: Musik, Freunde, Freiheit, ein paar Stunden, in denen morgen einfach warten kann – oder etwas ganz anderes?

Erzähl uns von einem Abend, an den du dich heute noch erinnerst, und was ihn so besonders gemacht hat.

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