Andaluria: Blood & Desire · Monster, Myth & Humanity · Spooky October · Woche 4 — Jenseits des Schleiers

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Die Hunde hatten aufgehört zu bellen.
Hinter den Weinbergen bewegte sich eine Reihe blasser Lichter über den Weg. Schemenhafte Gestalten in Leichentüchern trugen Kerzen. An ihrer Spitze ging ein zitternder Mann, der ein schweres Holzkreuz schleppte.
CHIBI: „Mara? Warum weint der Mann?“
MARA: „Ich weiß es nicht. Bleib bei mir.“
Der Fremde blieb vor ihnen stehen.
„Bitte. Nehmt es mir ab. Nur für einen Augenblick.“
Chibi streckte schon die Hand aus, doch Mara hielt ihn zurück.
MARA: „Fass das Kreuz nicht an.“
CHIBI: „Aber er ist doch ganz müde!“
„Deshalb will er ja, dass es jemand anders trägt.“
Der Mann senkte den Blick.
„Seit Wochen habe ich kaum geschlafen. Meine kleine Tochter wartet auf mich.“
Hinter ihm verharrten die Toten regungslos.
Die Begegnung erinnert an die galicische Sage der Santa Compaña: eine nächtliche Prozession wandernder Seelen, die bisweilen von einem lebenden Menschen angeführt wird. Er muss das Kreuz tragen, bis er jemanden findet, der seine Last übernimmt.
CHIBI: „Das ist gemein.“
MARA: „Ja. Das ist es.“
In Andaluria bewahren die Caio seit Generationen Warnungen vor solchen Begegnungen. Doch was geschieht, wenn die Gefahr nicht mit Klauen und Zähnen auf uns losgeht?
Wenn sie stattdessen verzweifelt um Hilfe bittet?
CHIBI: „Lassen wir ihn jetzt allein?“
Mara betrachtete seine blutigen Hände.
MARA: „Nein. Wir nehmen das Kreuz nicht. Aber vielleicht finden wir einen anderen Weg.“
Sie trat neben den Weg.
MARA: „Wir begleiten dich.“
Der Mann starrte sie an.
„Ihr versteht nicht. Morgen Nacht kommen sie wieder.“
Chibi nahm Maras Hand.
CHIBI: „Dann kommen wir eben auch wieder.“
Manchmal ist es gar nicht so schwer, ein Monster zu erkennen.
Schwieriger ist es, jemandem zu helfen, ohne selbst sein nächstes Opfer zu werden.
Der Weg nach Mitternacht
In Andaluria schützen alte Bräuche und die Riten der Kirche der Goldenen Eminenz die Menschen vor den Geschöpfen der Nacht. Die Caio haben Warnungen bewahrt, die Außenstehenden sonderbar vorkommen mögen. Doch während die Nächte unnatürlich länger werden und gewohnte Schutzmittel versagen, gewinnen sie neue Bedeutung.
Eine solche Warnung könnte lauten: Nimm niemals das Kreuz eines Fremden an, der die Toten anführt.
Die galicische Santa-Compaña-Überlieferung kennt verschiedene Fassungen. Eine Prozession verstorbener Seelen zieht nachts über die Wege; in manchen Varianten muss ein Lebender sie anführen und kann erst durch Übergabe des Kreuzes frei werden. Das ist eine Sage, kein Nachweis eines übernatürlichen Ereignisses. Ihr Konflikt aber ist sehr menschlich.
Der Kreuzträger ist selbst ein Opfer. Sein Leid ist sichtbar, seine Erschöpfung echt. Trotzdem würde er jemand anderen an seiner Stelle verurteilen.
CHIBI: „Vielleicht ist er gar nicht böse. Nur ganz, ganz müde.“
MARA: „Vielleicht. Aber wir dürfen trotzdem Nein sagen.“
Ein gutes Ende ist damit noch nicht erreicht. Die Kinder besiegen keine Geisterarmee. Sie weigern sich lediglich, einen grausamen Handel einzugehen, und suchen nach Hilfe.
Das Unheimliche an dieser Geschichte ist nicht allein die Rückkehr der Toten. Es ist die Möglichkeit, dass ein verzweifelter Mensch ausgerechnet die Hilfsbereitschaft eines anderen benutzt, um sein eigenes Leiden weiterzugeben.
CHIBI: „Dürfen wir ihm trotzdem helfen?“
MARA: „Natürlich. Aber wir geben das Kreuz nicht an jemand anderen weiter.“
WELTEN, DIE SICH ERINNERN
Alte Warnungen erzählen von Entscheidungen und ihren Folgen. Bei Mythveil Chronicles hat Mitgefühl seinen Preis – aber auch die Weigerung zu helfen. In Andaluria gibt es kein Zurücksetzen der Geschichte.
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Mythveil Chronicles — Worlds That Remember.
