Ein Tabu sagt uns, wo eine Grenze liegt. Nicht unbedingt, warum.
CAELWYN:
„Nicht berühren.“
STACY:
Dann berühr es nicht.
CAELWYN:
Warum?
STACY:
Weil es da steht.
CAELWYN:
Das ist kein Grund.
STACY:
Nein.
CAELWYN:
Dann darf ich es berühren?
STACY:
Auch nein.
CAELWYN:
Du hast Spaß daran.
STACY:
Ein bisschen.
Sie nimmt ihm die Karte ab.
STACY:
Aber damit hast du gerade das Problem mit Tabus gefunden.
CAELWYN:
Ein schlecht geschriebenes Schild?
STACY:
Eine Grenze ohne Erklärung.
CAELWYN:
Ein Tabu zu brechen ist also schlecht?
STACY:
Nein.
CAELWYN:
Gut?
STACY:
Nein.
CAELWYN:
Hilfreich?
STACY:
Manchmal.
CAELWYN:
Gefährlich?
STACY:
Manchmal.
CAELWYN:
Das hilft mir überhaupt nicht.
STACY:
Doch.
CAELWYN:
Wie?
STACY:
Weil das Tabu die moralische Frage nicht für dich beantwortet.
CAELWYN:
Was meinst du?
STACY:
Menschen schaffen Tabus um Nahrung, Tod, Körper, Religion, Trauer, Familie, Rausch, die Toten …
CAELWYN:
Weil manche Grenzen uns schützen.
STACY:
Ja. Manche schützen andere Menschen. Manche schützen etwas, das eine Gemeinschaft für heilig hält.
CAELWYN:
Und manche?
STACY:
Manche schützen eine alte Antwort davor, hinterfragt zu werden.
CAELWYN:
Dann kann es sogar hilfreich sein, sie zu brechen.
STACY:
Manchmal kann es notwendig sein.
CAELWYN:
Offen über psychische Erkrankungen sprechen.
STACY:
Oder über Trauer.
CAELWYN:
Das Leben infrage stellen, das alle anderen für dich vorgesehen haben.
STACY:
Oder über etwas sprechen, über das alle zu schweigen gelernt haben.
CAELWYN:
Dann kann ein Tabubruch Angst verringern.
STACY:
Oder Scham. Oder Isolation.
CAELWYN:
Aber deshalb sollte man nicht jedes Tabu brechen.
STACY:
Genau.
Sie legt die Karte zwischen sie.
STACY:
Und jetzt nimm dieses Problem mit in die World of Darkness.
CAELWYN:
Vampire?
STACY:
Fangen wir dort an.
CAELWYN:
Menschen sind keine Nahrung.
STACY:
Eine sehr vernünftige menschliche Grenze.
CAELWYN:
Bis du zu etwas wirst, das menschliches Blut zum Überleben braucht.
STACY:
Die Grenze ist deshalb nicht plötzlich bedeutungslos.
CAELWYN:
Aber die Frage hat sich verändert.
STACY:
Genau. Jetzt muss der Vampir fragen, wie er mit einem Bedürfnis lebt, das ein menschliches Tabu überschreitet.
CAELWYN:
Garou überschreiten andere Grenzen.
STACY:
Mensch. Tier. Geist.
CAELWYN:
Und Wraith beginnt damit, eine unserer grundlegendsten Annahmen zu brechen.
STACY:
Die Toten bleiben tot.
CAELWYN:
Bis einer antwortet.
STACY:
Dann wird die Frage, ob man mit Toten spricht, plötzlich eine ganz andere.
CAELWYN:
Dreamspeakers?
STACY:
Wenn Geister dir tatsächlich antworten, kann etwas, das ein anderer für unmöglich hält, aus deiner Sicht eine Beziehung sein.
CAELWYN:
Das bedeutet nicht, dass der Geist vertrauenswürdig ist.
STACY:
Gut.
CAELWYN:
Eine Grenze zu hinterfragen bedeutet nicht, alle Grenzen wegzuwerfen.
STACY:
Genau.
CAELWYN:
Und Mages?
STACY:
Die machen das Problem noch schlimmer.
CAELWYN:
Natürlich.
STACY:
Ein Celestial Chorister könnte fragen, ob etwas, das als Häresie verurteilt wird, nicht doch echte Offenbarung sein könnte.
CAELWYN:
Die Euthanatoi nähern sich bewusst Fragen der Sterblichkeit, denen die meisten Menschen lieber ausweichen.
STACY:
Und der Cult of Ecstasy stellt eine noch grundsätzlichere Frage.
CAELWYN:
Welche?
STACY:
Warum sollten wir annehmen, dass unser gewöhnliches Bewusstsein der einzige Zustand ist, in dem wir Wahrheit erfahren können?
CAELWYN:
Musik.
STACY:
Tanz.
CAELWYN:
Meditation.
STACY:
Fasten.
CAELWYN:
Rhythmus. Stille. Lust. Veränderte Bewusstseinszustände.
STACY:
Menschliche Kulturen haben solche Erfahrungen heilig genannt.
CAELWYN:
Und verboten.
STACY:
Manchmal beides.
CAELWYN:
Dann sind die Ecstatics nicht interessant, weil sie einfach Grenzen brechen.
STACY:
Nein.
CAELWYN:
Sondern weil sie fragen, ob manche Grenzen bewusst überschritten werden sollten.
STACY:
Und damit kommen wir zu der Frage, die wirklich zählt.
CAELWYN:
Wessen Grenze?
STACY:
Genau.
CAELWYN:
Meine eigene Angst zu überwinden ist nicht dasselbe wie zu entscheiden, dass die Grenze eines anderen Menschen nicht zählt.
STACY:
Jetzt hast du es.
Caelwyn nimmt die Karte.
CAELWYN:
Was ist also die Regel?
STACY:
Verwechsle „verboten“ niemals mit „falsch“.
CAELWYN:
Gute Regel.
STACY:
Ich bin noch nicht fertig.
CAELWYN:
Natürlich nicht.
STACY:
Aber verwechsle „verboten“ auch niemals mit „grundlos falsch“.
Caelwyn betrachtet die Worte:
NICHT BERÜHREN.
Er legt die Karte zurück.
CAELWYN:
Ich lasse es in Ruhe.
STACY:
Weil das Schild es sagt?
CAELWYN:
Nein.
STACY:
Warum dann?
CAELWYN:
Weil ich immer noch nicht weiß, warum das Schild dort steht.
STACY:
Gut.
CAELWYN:
Gut?
STACY:
Du hast endlich aufgehört zu fragen, ob du die Grenze überschreiten darfst.
CAELWYN:
Und angefangen zu fragen, was die Grenze schützt.
MYTHVEIL-FRAGE:
Jedes Tabu zieht eine Grenze.
Manche schützen uns.
Manche schützen andere.
Manche schützen etwas Heiliges.
Und manche schützen vielleicht nur eine alte Antwort davor, hinterfragt zu werden.
Bevor du eine solche Grenze überschreitest — oder einen anderen Menschen dafür verurteilst — solltest du nicht zuerst fragen:
Wer hat diese Grenze gezogen, warum wurde sie gezogen, wessen Grenze ist es und was schützt sie tatsächlich?
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